Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Stadtverband Bad Vilbel / Karben e. V.

Feierabendstau auf der Nordumgehung Bad Vilbels

Feierabendstau auf der Nordumgehung Bad Vilbels © Christian Euler

Verkehrter Verkehr in Bad Vilbel: Perspektiv- und Strategiewechsel erforderlich

Oktober 2017. Die Verkehrslage in Bad Vilbel ist verfahren. Täglich kommt es in den Hauptverkehrszeiten auf den Hauptachsen – Homburger Straße, Nordumgehung/Büdinger Straße sowie Kasseler und Friedberger Straße – zu Stauungen von Kraftfahrzeugen.

Für Wegstrecken, die in wenigen Minuten zu meistern wären, kann die Fahrtzeit dann schon einmal auf eine gute halbe Stunde ansteigen. Geschuldet sind diese Staus überwiegend dem Kfz-Durchgangsverkehr durch Bad Vilbel. Die Verkehrssituation wird sich durch die Bebauung des Quellenparkgebiets, die Erweiterung des Kurhausareals, die Eröffnung des Kombibads und zusätzlicher Hotels in der Kernstadt Bad Vilbels nach der Prognose des ADFC Bad Vilbel bis 2025 deutlich verschlechtern. Die Vorsitzende des ADFC Bad Vilbel Ute Gräber-Seißinger erklärt dazu: „Der ADFC Bad Vilbel hat anhand von Grundannahmen und Ausgangsdaten in den Verkehrsgutachten der Planungsbüros von Mörner + Jünger und  IMB-Plan berechnet, dass das werktägliche Verkehrsaufkommen auf der Homburger Straße voraussichtlich von 16.500 Fahrzeugbewegungen im Jahr 2010 auf 27.420 im Jahr 2025 ansteigen wird. Für die Nordumgehung (L 3008) / Büdinger Straße fällt die Prognose noch schlechter aus. Von im Jahr 2009 gemessenen 13.863 Fahrzeugbewegungen wird die durchschnittliche werktägliche Verkehrsstärke (DTVw) auf rund 30.000 Fahrzeugbewegungen steigen. Das bedeutet im Jahr 2025 in etwa 66 Prozent mehr Kfz-Verkehr auf der Homburger Straße und 118 Prozent mehr auf der Büdinger Straße, soweit nicht bald gegengesteuert wird.“

Die Reduzierung des „verkehrten“ Verkehrs, der Mensch und Umwelt mit Lärm, Luftschadstoffen und in Staus vergeudeter Lebenszeit belastet, sollte vordringliche Aufgabe lokaler Verkehrsplanung sein. Allein, darauf deutet bislang wenig hin, ganz im Gegenteil.

Mehr Flächen für den Kfz-Verkehr führen zu mehr Kfz-Verkehr

Der für die Stadt Bad Vilbel tätige Verkehrsplaner Prof. Rüdiger Storost von der Ingenieurgesellschaft IMB-Plan GmbH hat sich zuletzt auf Einladung der FDP im Mai 2017 öffentlich Gedanken über Kapazitätserweiterungen auf Bad Vilbels Hauptstraßen gemacht – Gedanken, die über die Vorschläge des Gesamtverkehrsplans Kernstadt aus dem Jahr 2015 hinausgehen, deren Folgerungen aber nicht überzeugen können. Hierzu stellt Christian Euler, verkehrspolitischer Sprecher des ADFC Bad Vilbel, fest: „Die geäußerten Ideen zielen allesamt darauf ab, die genannten Hauptdurchgangsstraßen massiv auszubauen. Genannt werden hierzu weitere Kfz-Untertunnelungen und Erweiterungen auf vier Fahrspuren bzw. Ergänzungen von zwei Spuren um eine dritte, mittig gesetzte Spur für Abbieger. Die Ideen des Verkehrsplaners verfolgen ausschließlich das Ziel, den (über-)regionalen Durchgangsverkehr mittels weiterer oder stärker ausgebauter Kfz-Verkehrswege schneller durch Bad Vilbel durchleiten zu können. Ein weiterer Ausbau von Straßen für den Kfz-Verkehr dürfte aber kaum weiterhelfen, wenn es gilt, das Kfz-Verkehrsaufkommen und die damit einhergehenden Lärm- und Schadstoffemissionen zu reduzieren. Eine Angebotserweiterung – soweit sie denn überhaupt möglich ist – bewirkt vielmehr das genaue Gegenteil, nämlich noch mehr Kfz-Verkehr, und kostet dabei unnötig viel Geld und Flächenressourcen.“ 

Der ADFC Bad Vilbel hat diesen negativen Befund in seiner aktuellen, 13 Seiten umfassenden Stellungnahme zur Verkehrssituation in Bad Vilbel ausführlich begründet.

 

Stärkung alternativer Verkehrsmittel tut Not

Unserer Ansicht nach muss die Quellenstadt den Schwerpunkt ihrer konzeptionellen Überlegungen zur Verkehrssteuerung deutlich auf die Stärkung alternativer Verkehrsmittel wie das Fahrrad und den öffentlichen Personennahverkehr verlagern. Eine Verbesserung der Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer im Nahverkehrsbereich ist genauso zwingend wie der weitere Ausbau und die intermodale Verknüpfung mit dem ÖPNV.

Doch wo anfangen? Wie eine Trendwende einleiten, die letztlich Schritt für Schritt zu einer dringend notwendigen umweltverträglicheren Verteilung des Verkehrsaufkommens auf die verschiedenen Verkehrsmittel (Modal Split) führen würde? Die den Anteil des Kfz-Verkehrs, der derzeit im suburbanen Raum schätzungsweise bei 88 Prozent liegt, auf ein langfristig vertretbares Maß zurückführen würde?

Zunächst einmal sollte die Bad Vilbeler Stadtverwaltung den Realitäten des Verkehrsaufkommens in ihrem unmittelbaren Einflussbereich ins Auge sehen. Das hieße, eine solide Datenbasis durch aktuelle Verkehrsmessungen zu schaffen, die als Ausgangspunkt für Prognosen unter alternativen infrastrukturellen Bedingungen dienen würde. Die Errichtung eines stationären Verkehrsmessnetzes wäre hierbei vereinzelten Verkehrszählungen vorzuziehen. Die Nachbargemeinde Karben zeigt, wie es gehen kann, und installiert bereits ein solches Verkehrsmessnetz in den Hauptverkehrsstraßen.

Der ADFC Bad Vilbel zeigt in seiner Stellungnahme unter anderem auf, dass die in den städtischen Gremien bekannten Prognosen in den Lärm- und Verkehrsgutachten zum Bebauungsplangebiet Quellenpark auf schwachen Füßen stehen. Die Datenbasis in den Gutachten ist veraltet und die Prognosen selbst setzen – soweit dort überhaupt konkrete Zahlen genannt werden – die bis 2025 zu erwartende Kfz-Verkehrsstärke dramatisch zu niedrig an. Eine Ausnahme bildet das Verkehrsgutachten des Planungsbüros von Mörner + Jünger, das aber im Unterschied zu anderen Gutachten nicht über die Website der Stadt Bad Vilbel zugänglich ist. Es drängt sich deshalb der Verdacht auf, dass die städtischen Gremien das sich verstärkende Verkehrsproblem bislang nur unzureichend erfasst haben.

Falsche Prognosen verleiten zu falschen, sogar naiven Zielvorstellungen. Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass in Bad Vilbel Ziele wie die Förderung des alltäglichen Fußgänger-und Radverkehrs im Nahbereich systematisch zu wenig Raum finden. Das hat sich zuletzt am Verzicht der Stadt auf  eine Radverkehrsanlage auf der derzeit im Umbau befindlichen Homburger Straße (4. Bauabschnitt) zugunsten einer Kfz-Mittelspur gezeigt.

Der verkehrsplanerische Ansatz der Stadtverwaltung, der sich auf die Arbeiten von IMB-Plan und Prof. Storost stützt und den Ausbau des motorisierten Individualverkehrs favorisiert, ist nach unserer Ansicht verfehlt. Ein Perspektiv- und Strategiewechsel ist notwendig, das heißt eine massive Förderung alternativer Verkehrsträger – was für Berufstätige und andere Pendler gegenüber dem motorisierten Individualverkehr (MIV) bessere Angebote schafft. Unserer Auffassung nach lässt sich nur so eine Veränderung des regionalen Modal Split herbeiführen und schließlich auch der überörtliche Kfz-Durchgangsverkehr in Bad Vilbel eindämmen. Der Modal Split der verschiedenen Verkehrsträger im Rhein-Main-Gebiet, insbesondere zwischen Frankfurt und der Wetterau, in dem der Fuß- und der Radverkehr zusammen mit Bus und Bahn derzeit nur magere 12 Prozent einnehmen, sollte perspektivisch bis 2030 nachhaltig verändert werden. Nach unserer Auffassung sollte das Gewicht des Öffentlichen Verkehrs sowie des regionalen Fuß- und Radverkehrs bis 2030 auf ein Viertel des gesamten Verkehrsaufkommens anwachsen.

Was den lokalen und auch den regionalen nichtmotorisierten Individualverkehr anbelangt, so bietet es sich beispielsweise an, flankierend zum S-Bahn-Ausbau, möglichst vis à vis entlang der Main-Weser-Bahnstrecke und nicht nur in Bad Vilbel, sondern auf der gesamten Strecke zwischen Frankfurt und Friedberg eine Raddirektverbindung zu schaffen – durchgängig, steigungsarm und kreuzungsfrei bzw. zumindest vorfahrtberechtigt.

Wir erachten eine gründliche Diskussion der Bad Vilbeler Verkehrsprobleme als unbedingt notwendig. Die Hessische Gemeindeordnung sieht die Verkehrskommission vor, ein aufgrund seiner Zusammensetzung mit Expertise ausgestattetes städtisches Beratungsgremium. Hier ist der Ort, um gemeinsam mit den Entscheidungsträgern der Stadt Bad Vilbel zukunftsfähige Konzepte und Lösungen für Bad Vilbel zu erarbeiten und so die Verkehrsentwicklung zu steuern. Leider wird diese Möglichkeit seitens des Magistrats der Stadt Bad Vilbel nicht wirksam genutzt. Mehr als anderthalb Jahre nach der letzten Kommunalwahl und der Neubesetzung der Verkehrskommission werden die Mitglieder der Kommission erstmals im November 2017 wieder zusammengekommen. Der ADFC Bad Vilbel regt an, zukünftig die Verkehrskommission zumindest zweimal jährlich zusammentreten und über die Verkehrsplanung Bad Vilbels ernsthaft beraten zu lassen. Die Verkehrskommission sollte jedenfalls nicht weiterhin ein trauriges Schattendasein fristen.

Fazit

Ein massiver Ausbau innerstädtischer Kfz-Verkehrswege in Bad Vilbel dürfte kaum zu einer geringeren Verkehrsdichte und einem besseren Verkehrsfluss führen. Insofern ist eine Abkehr von einer autozentrierten Stadt- und Verkehrsplanung notwendig. Dabei gilt es, die Chancen alternativer Verkehrsträger zu nutzen und innerstädtische Verkehrsräume lebenswert zu gestalten. Der ADFC Bad Vilbel wird demnächst weitere Bausteine einer nachhaltigen Trendwende in der Verkehrsplanung der Quellenstadt wie die angesprochene Raddirektverbindung von Frankfurt nach Friedberg entlang der Main-Weser-Bahnlinie sowie ein Fahrradparkhaus am Nordbahnhof vorstellen.

Christian Euler

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