
Unterwegs © Christian Martens
Bahntrassen zwischen Nord- und Ostsee – mit dem Tandem auf Radurlaub in Dänemark
August 2024. Ich bin ein großer Freund von Bahntrassenradwegen. Da ich im Lauf der Jahre in Deutschland alle längeren und interessanten Wege erkundet habe, rückt zur weiteren Pflege des Hobbys vermehrt das europäische Ausland ins Blickfeld.
Dänemark: Auf dem Weg zu einem echten Bahntrassenradwegenetz
Das folgende Zitat von www.bahntrassenradeln.de zu Dänemark machte die Entscheidung zum diesjährigen Urlaubsziel recht leicht: „Bereits aus der Ferne ergibt sich ein recht gutes Bild der rund 650 km umfassenden Bahntrassenwege-Landschaft in Dänemark. Viele der Wege mit Streckenlängen von bis zu 70 km sind fest im landesweiten und regionalen Radroutensystem verankert und damit einem breiteren Publikum vertraut. Weit weniger bekannt dürfte außerhalb Dänemarks allerdings sein, dass es in Nord- und Mitteljütland inzwischen zur Bildung eines raumgreifenden Netzes von Bahntrassenwegen gekommen ist. Auffällig ist, dass mehrere der Langstrecken einen sehr hohen Trassenanteil bei nur wenigen Unterbrechungen aufweisen.“
In der Tat zeigte die Planung, dass sich 17 Bahntrassen mit einer Gesamtlänge von gut 500 Kilometern wunderbar zu einer Rundtour kombinieren lassen, womit sich bei den in zwei Wochen zurückgelegten gut 1000 Kilometern also ein Anteil von beachtlichen 50 Prozent ergibt. Dänemark, geologisch geprägt durch verschiedene Eiszeiten, ist nur in Teilen flach, in Teilen aber durchaus hügelig. So führte uns eine Trasse von Meeresniveau startend nur knapp vorbei am höchsten Punkt Dänemarks mit immerhin 170 Metern. Mit vollbeladenem Rad lernt man damit also selbst hier, Bahntrassenradwege mit den typischen geringen Steigungen sehr zu schätzen. Auf den auch genutzten klassischen Radwegen oder kleinen Nebenstraßen mussten wir dagegen zu unserer Verblüffung öfter auch einmal vom kleinsten Gang Gebrauch machen.
Zwei Kuriositäten
Dass die Bahntrassenradwege Dänemarks nicht so aufregend sind wie beispielsweise der Milseburgradweg mit Tunnel und etlichen Brücken, war von vornherein klar. Zwei Kuriositäten sollen aber erwähnt sein: Bei Horsens wurde 1929 eine Eisenbahnbrücke über ein Flüsschen zugeschüttet, weil an der besagten Stelle ein Staudamm errichtet wurde. Als man sich 2014 entschied, im Rahmen von Renaturierungsmaßnahmen diesen Damm abzutragen, wurde die Brücke wiederentdeckt. Nun kann die Ingenieurskunst wieder bewundert und mit dem Rad überfahren werden.
In Viborg treffen in Summe drei Bahntrassenradwege aufeinander. Sie sind auch im Stadtgebiet durchgehend miteinander verbunden. Am nach wie vor in Betrieb befindlichen Bahnhof verläuft der Radweg dort, wo früher das Gleis 1 lag. Bahnreisende, die vom Bahnhofsgebäude zu den Bahnsteigen wollen, queren den Radweg über eine Brücke.
Das Kalte Hawaii
Unsere Runde begann und endete bei Verwandten etwa 20 Kilometer südlich der durchs Legoland bekannten Stadt Billund. Von dort ging es gegen den Uhrzeigersinn zunächst über eine Stippvisite an der Ostsee nach Aalborg. Aus Zeitgründen unterbrachen wir unsere Radreise mit einem Tagesausflug per Bus und Bahn nach Skagen, wo Nord- und Ostsee zusammentreffen und wo sich schon Ende des 19. Jahrhunderts, gelockt von der faszinierenden rauen Landschaft und den besonderen Lichtverhältnissen, die Maler einfanden. Von Aalborg ging es weiter nach Westen bis Klitmøller, bei Surfern auch bekannt unter dem Spitznamen kaltes Hawaii, und dann dem Limfjord folgend ins Landesinnere und mit leichtem Zickzack nach Süden zum Ausgangspunkt.
Die meisten Radreisenden entscheiden sich für den Ostsee- und /oder den Nordseeküstenradweg. Im Landesinneren werden die Begegnungen mit Gleichgesinnten dann doch seltener. Allerdings begegneten uns einige gleich zwei Mal, da sich in Jütland mit so viel Küstenlinie ein Rundkurs quasi aufdrängt. Geschätzt haben wir die Begegnung und den Austausch mit einem Paar aus Schweden und einem aus Neuseeland, beide für jeweils drei Monate durch Europa unterwegs. Da fühlten wir uns mit unseren zwei Wochen Reisezeit doch etwas amateurhaft.
Dass wir unsere Regenjacken die ganze Zeit umsonst dabeihatten, war bei dem Reiseland nicht zu erwarten; dass wir die ganze Zeit bei angenehmen Radeltemperaturen unterwegs waren, auch als wir von Hitzetagen daheim hörten, nahmen wir erfreut wahr; und dass wir mit Mitte/Ende August genau die Zeit der Heideblüte erwischten, was bei der Planung gar nicht auf dem Schirm gewesen war, erhöhte den Genuss. Die dänischen Schulferien waren schon vorbei und damit die Touri-Hotspots nicht mehr überlaufen. Dänemark, durchaus bekannt für klassischen Strandurlaub an der Küste, bietet auch an den Fjorden und Seen im Landesinneren viele Bademöglichkeiten, sodass auch das tägliche Schwimmen nicht zu kurz kam.
Was die Dänen lieben
Unsere Radwege waren teils asphaltiert, teils wassergebunden und bis auf kurze Stücke in ordentlichem Zustand, die Beschilderung manchmal ausbaufähig. Was am meisten störte, war die Liebe der Dänen für Drängelgitter, gelegentlich gerne auch etwas knapper dimensioniert. Mit unserem vorne und hinten mit Packtaschen behängten Tandem waren etliche davon nur mit Absteigen zu bewältigen. Das schwere Gefährt jedes Mal neu zu beschleunigen, kostete dann doch ein paar Körner extra.
Die dänische Landschaft hat vor allem Heide, Dünen, Feuchtgebiete, großflächige Landwirtschaft und vereinzelte kleinere Waldgebiete im Angebot. Es mag woanders abwechslungsreicher sein, hier hatte das Radeln des Öfteren einen nachgerade meditativen Charakter.
Auffallend für uns war die große Liebe der Dänen für ihre Rasenflächen. Wir staunten nicht nur über große Flächen um Gebäude herum, sondern auch über seitliche Streifen an den Radwegen, auch abseits von Ortschaften. Alles war top gepflegt wie ein Golfrasen. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass es die Dänen sind, die den Mähroboter erfunden haben. Bis zu vier davon sahen wir gleichzeitig ihr Werk verrichten. Mir wäre es wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, aber meine Frau wies mich darauf hin, dass die Dänen auch große Hortensienfans sind. Die blühten tatsächlich in sehr vielen Gärten üppig in allen Farben.
Wie dieses Jahr in Deutschland fanden wir auch auf den Wegen in Dänemark viele Nacktschnecken vor. Zudem säumten erstaunlich viele Mirabellenbäume den Wegesrand. Deren reife Früchte ließen sich nicht immer umfahren und so fanden sich immer wieder Reste von beidem an Rahmen, Packtasche oder auch Schienbein – hätte nicht sein müssen.
Als Touris wurden wir von der weiten Verbreitung von mobile pay überrascht, einer Variante von Paypal, für die man sich aber nur mit dänischer Handynummer anmelden kann. Kleinere Imbisse und Straßenverkaufsstände akzeptieren weder Bargeld noch Karte, sondern nur dieses Zahlungsmittel, und so mussten wir manches Mal feststellen, dass wir buchstäblich zahlungsunfähig waren. Immerhin war die Grundversorgung unproblematisch. Auch in kleineren Orten findet sich in der Regel ein Supermarkt. Grundsätzlich haben die Supermärkte keine Mittagspause und sind an allen sieben Tagen geöffnet. Größere Vorräte mitzuschleppen konnten wir uns also sparen.
Und wo übernachten?
Unterwegs waren wir erstmals ausschließlich mit Airbnb, was uns die unterschiedlichsten Quartiere bescherte. Von altem Häuschen über Tiny House und ausgebaute Scheune bis zu Stadthaus war alles dabei. Dass ausgerechnet unser letztes Quartier in der Beschreibung darauf hinwies, dass kommerzielle Fotoshootings erlaubt seien, sorgte während der gesamten Zeit unseres Aufenthalts für etwas Spannung, fragten wir uns doch, was uns da wohl noch erwarten würde. Sagen wir es so: Die Option war durchaus nachvollziehbar. Wir werteten das Ambiente noch dahingehend individuell auf, als wir unser Tandem mangels anderer Abstellmöglichkeiten im großzügigen Wohnbereich platzierten. Leider erst beim Vorbeiradeln und nicht schon bei unserer Planung entdeckten wir, dass es im Bahnhof in Skals Gästezimmer gibt. Das wäre natürlich auch eine schöne Option gewesen. Gegen Shelter-Übernachtungen (in Dänemark übliche einfache Holzhütten mit minimaler Sanitärausstattung) hatten wir uns wegen des dafür notwendigen zusätzlichen Gepäcks entschieden, wobei der unversehens entdeckte Zugshelter schon Lust machte.
Postkarten sind uns in Dänemark übrigens nirgends begegnet. Die sind wohl ausgestorben aufgrund der Digitalisierung – vielleicht haben sie in Kopenhagen noch überlebt.
Christian Martens












