Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Stadtverband Bad Vilbel / Karben e. V.

Venedigs Altstadt, der Centro Storico

Venedigs Altstadt, der Centro Storico © Wikimedia Commons

Da Venezia per Bicicletta – anno 1988 und 2016

Mai 2016. Tourenleiter Matthis Marcks auf privaten Ausflügen – in fünf Tagen mit dem Rad zu dritt von München nach Venedig

München, Samstag, 7. Mai 2016. Das Projekt wird eingestielt

Mein ältester Sohn nimmt gerade an einem Strecken-Segelfluglehrgang im Lahn-Dill-Kreis teil. Ich verfolge seinen Kurs online auf dem Handy, während ich mit der Restfamilie – meiner Frau und den beiden jüngsten Kindern, die das Teenie-Alter bald auch verlassen – durch den Olympiapark schlendere und wir allmählich Kurs auf die am Abend anstehende größere Geburtstagsfeier in der Verwandtschaft meiner Frau nehmen. Ein verlängertes Wochenende in München ist nicht das Schlechteste.

Da meldet sich der zweitälteste Sohn Christian per WhatsApp: „Papa, ich will nach Venedig fahren. Hast du einen Tipp?“, fragt er mich. Ich schicke ihm ein Fahrradsymbol und will ihm damit im Gedenken an meine Tour von Augsburg bis nach Venedig im Jahr 1988 zu verstehen geben, er könne doch das Fahrrad nehmen. Allerdings rechne ich nicht im Ernst damit, dass er genau das vorhat. Einige Stunden und WhatsApp-Zeilen später habe ich es aber begriffen. Ein Freund will auch noch mitkommen, und nun wünschen sich die beiden Tipps vom Vater. Welche Ehre! 

Ohne mein Schicksal vorauszuahnen, schreibe ich meinem Sohn: „Ich komme mit.“ Auch dieses Mal habe ich nicht damit gerechnet, dass genau das eintreten wird, was ich im Sinn habe – ja, dass ich offenbar sogar etwas mehr als nur geduldet bin. Somit kommt jetzt richtig Schwung in die Sache, denn die beiden Jungs haben den Vorsatz gefasst, am Pfingstwochenende zu fahren. Das sind weniger als vier Tage Vorbereitungszeit. 

Bei dem Gedanken an meine Urlaubs-Pack-Allergie fange ich an zu schwitzen, reiße mich aber zusammen und bestätige meine Teilnahme. Denn genau eine solche Tour über die Alpen hatte ich seit 1988 nicht mehr gemacht, und genau dies war ein latenter und inzwischen fast vergessener Traum geblieben. Jetzt oder nie!

***

Am Sonntag, dem 8. Mai am Nachmittag, nach meiner Rückkehr nach Bad Vilbel, muss ich erst einmal die Campingutensilien sichten und die Defizite im Bereich Packtaschen durch eine schnelle Bestellung kompensieren. Der alte Whisperlite-Kocher tut‘s noch, aber das Zelt in der passenden Größe ist im letzten Jahr einem Sturm zum Opfer gefallen, sodass noch irgendwo Ersatz organisiert werden muss. Die nächsten drei Nächte werden, was den erholsamen Schlaf angeht, sehr kurz, denn auch die Route will vorbereitet werden: Strecke planen, GPX-Daten herunterladen, Karten zum Zielgebiet herunterladen und so weiter. Zum Glück hat mein Sohn die Website muenchen-venezia.info entdeckt, die eine vollständige manuelle Planung überflüssig macht und den ganzen Prozess erheblich beschleunigt. Trotzdem lässt sich die Frage nach Zeltplätzen oder anderen Unterkünften auch auf der Grundlage dieser Website nicht ganz befriedigend klären. 

So langsam frage ich mich, wie wir 1988, damals vier Studenten, den Weg von Augsburg nach Venedig und wieder zurück gefunden haben. Es gab keine Handys, kein Navi. Die Karten waren aus Papier im Maßstab 1:200.000 und hatten Zeitungsformat. Eigentlich kann man damit unmöglich aus einem Ort jemals wieder herausfinden. Und wenn sich unsere Wege mal getrennt hätten, hätten wir uns ohne Mobilfunk nie wiedergefunden. Ich habe keine genauen Erinnerungen mehr, aber irgendwie ging es doch. 

Ja, ich war schon mal in Venedig! Wir bekamen unterwegs kindskopfgroße pompelmo geschenkt – Grapefruits, damals noch Pampelmusen genannt – und wurden auf der steilen Passstraße zum Penser Joch von Italienern aus dem Auto heraus angefeuert und mit Brot versorgt. Wir übernachteten am Straßenrand ohne Zelt und kamen in der sommerlich heißen Po-Ebene vor Hitze fast um. Venedig war heiß, fahrradfeindlich und teuer. 

Zurück im Jetzt, ist der Plan aber doch bald fertig. Fünf Tage Fahrzeit für 560 Kilometer, die vor uns liegen. Ein Tag Reserve, an dem wir im Idealfall Venedig anschauen werden, um dann später am Abend um 21 Uhr in den Nachtzug nach München zu steigen. 

Am Donnerstagnachmittag soll es mit dem Auto losgehen. Christian wird schon am Vormittag aus Aachen anreisen. Sein Mountainbike werden wir um einen Gepäckträger erweitern, den wir kurzerhand seinem älteren Bruder klauen werden – und um Flaschenhalter, natürlich. Für den Nachmittag erwarten wir seinen Freund Paul aus Münster per Bahn. 

Donnerstag, 12. Mai – Aufbruch

Ich habe alles bereitgelegt, was mit muss, aber die bestellten Packtaschen sind noch nicht da. Um 15 Uhr klingelt DHL mit der Packtaschenlieferung, um 15:30 Uhr fahren wir los, um Paul und sein Gepäck am Bad Vilbeler Bahnhof einzusammeln. Die letzten Nächte haben mir zugesetzt. Zum Glück setzt sich Christian hinters Steuer und ich kann mich etwas ausruhen. Trotzdem versuche ich noch, ein paar geeignete Zeltplätze am Wegesrand zu finden, und stöbere dazu via Smartphone im Internet. 

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Campingplatz in München-Thalkirchen. Dort stellen wir das von einem Kollegen geliehene Vaude-Zelt zum ersten Mal auf. Dank der guten Beschreibung des Kollegen und der hervorragenden Konstruktion des Zelts gelingt das trotz der Schwärze der Nacht auf Anhieb. Dann noch schnell eine Pizzeria gesucht und gefunden, und der Start ist geglückt. Sieh an! Ich war seit geschätzten gut zwanzig Jahren nicht mehr in München – und jetzt im Wochentakt.

Freitag, 13. Mai – Tag 1

Am Freitag früh hat Petrus andere Pläne als wir: Die Bewässerung Bayerns scheint ihm eher am Herzen zu liegen als unser Vorankommen im Trockenen. Das Frühstück gelingt noch ohne Wasser von oben, aber kaum sind wir losgefahren, beginnt ein sanfter Nieselregen, der uns bis zum Brennerpass fast durchgängig begleiten soll. Wir folgen nun der im Navi einprogrammierten Route München–Venezia und finden auch bald die Radwegebeschilderung. Wenn man die Augen offen hält, kann man die Strecke auch fast ohne Navi fahren. Sie führt uns durch einsames Land und Waldgebiete, über teilweise asphaltierte und teilweise fein geschotterte Wege, auf denen es sich auch mit meinem nur 25 Millimeter breiten Rennradreifen am Vorderrad noch gut fahren lässt. 

Nach einiger Zeit treffen wir auf eine halb offene Scheune am Wegesrand, die einen willkommenen Unterstand bietet. Wir nutzen die Gelegenheit, um ein paar Müsliriegel im Trockenen zu verzehren. Dann geht es weiter Richtung Tegernsee. Der Weg steigt unmerklich an. Die Temperatur knapp über 10 °C bei andauernder Feuchtigkeit ist gewissermaßen anstrengend und zehrt an unseren Energiereserven. Trotzdem rollen wir nach einer wärmenden Mittagspause – erst in, dann vor einem Edeka-Laden – weiter dem Achensee entgegen und erklimmen derweil eine Höhe von fast 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Wir finden uns auf dem ersten Pass unserer Reise wieder, dem Achenpass, und sind ein wenig verblüfft, denn wir hatten überhaupt nicht gemerkt, dass es bergauf ging. Unser Höhengewinn von 450 Metern verteilte sich über 108 Kilometer, was einer durchschnittlichen Steigung von 0,4 Prozent entspricht. Zur Feier der Höhe hört sogar der Regen auf, und wir wagen ein Fotoshooting auf einem glitschigen Holzsteg mit wolkenverhangenen, grauen Bergen und See im Hintergrund. 

Die Abfahrt auf der geplanten Route soll steil ins Inntal abfallen, und wir ahnen auch hier einen geschotterten Weg. Zugunsten des Fahrvergnügens und des in Aussicht stehenden Geschwindigkeitsrauschs entscheiden wir uns daher für die Straße, die in wenigen Serpentinen mit Höchstgeschwindigkeit nach 9 Kilometern direkt zur Inntalautobahn führt, auf die wir aber nicht gleich einschwenken. Inntal-Camping wäre auch direkt dort, aber der Vorschlag, hier gleich das Zelt aufzuschlagen, findet bei meinen jüngeren Begleitern keine große Resonanz. Schließlich sei es erst halb sechs – da gehe noch was, meinen sie. Also erkundigen wir uns bei der Tankstelle nach dem nächsten Campingplatz in Richtung Innsbruck. Noch 20 Kilometer, in Volders, kurz vor Innsbruck, lautet die Antwort. 

Wir fahren weiter den Inn hinauf. Der Radweg ist auch so eine Art Inntalautobahn – fein asphaltiert und ohne Steigung. So rollen wir flott an den Ortschaften im Inntal vorbei und konzentrieren uns darauf, in Volders rechtzeitig nach dem Campingplatz Ausschau zu halten. Ortsschilder gibt es leider am Radweg nicht, und so muss der gelegentliche Blick aufs Navi genügen. Zwischenzeitlich gibt mein vom Regen durchgespültes Schaltwerk auf und verweigert nach jedem Schaltvorgang hinunter auf kleinere Zahnrädchen den Aufbau jeglicher Kettenspannung. Das heißt: nach jedem Schaltvorgang absteigen, Schaltwerk strammziehen und erst dann weiterfahren. Drei Kurven später habe ich gelernt und schalte nicht mehr. 

Wir landen nach 145 Tageskilometern um 18:55 Uhr am Schlosscamping Volders. Diese Uhrzeit soll uns die nächsten Tage begleiten: Sie wird zu unserer ungeplanten Zielankunftszeit, die wir nichtsdestoweniger stets mit geringer Abweichung einhalten. Die Strecke war als erste Etappe auch nicht schlecht. 

Der Platz ist wunderschön gepflegt, und wir sind fast alleine. Es ist ja auch erst Pfingsten und nicht Sommer, und das Wetter tut sicherlich sein Übriges, um Gäste fernzuhalten. Immerhin, der Abend verwöhnt uns mit einer Regenpause. Voller Übermut spanne ich eine Wäscheleine, um die Klamotten zu trocknen. 

Samstag, 14. Mai – Tag 2

Der Tag beginnt halbwegs trocken, aber bald schon setzt bei etwa 14 °C ein fast nicht wahrnehmbarer Nieselregen ein. Innsbruck tangieren wir nur an seinem östlichen Ende und auch nur, um die Inntalautobahn kreuzen zu können. Genau dort, wo wir die in luftigen Höhen aufgeständerte Autobahn unterqueren, steht ein gigantisches Sports Direct-Kaufhaus, in dem wir sogleich Fahrradersatzteile erahnen. Schnell ist ein Fläschchen Öl gegen die drei ausgewaschenen Ketten erstanden, und Paul bekommt auch noch neue Bremsbeläge, denn die alten sind am Vortag während der Achenpassfahrt fast komplett weggewaschen worden. Und weil es gerade zum halben Preis erhältlich ist, bekomme ich ein neues Shimano XT-Schaltwerk, das bei Gelegenheit zu montieren ich mir vornehme. Das alte will ich ohnehin schon seit Längerem austauschen, weil es nicht mehr viel Kettenspannung aufbaut. 

Nach unserer Beschaffungsaktion beginnt unmittelbar der Anstieg in Richtung Brenner. Achthundert Höhenmeter liegen vor uns. In nur wenigen Serpentinen steigt die Straße, die auf der östlichen Seite des Tals die Orte verbindet, kontinuierlich an. Am gegenüberliegenden Hang sehen wir die alte Brennerstraße und die Brennerautobahn, über die wir schon so oft mit dem Auto, den Kindern und den Campingutensilien in den sonnigen Süden gefahren sind. Eine wundervolle Perspektive, die Lkws in einer Kolonne den Berg hinaufkriechen zu sehen! 

In Matrei gelangen wir auf die alte Brennerstraße. Schon 2 Kilometer später biegen wir von ihr ab, um dem Flusslauf zu folgen. Hinter Steinach am Brenner gibt es dann bis zum Pass keine Alternative mehr und wir nehmen die Straße. Unterdessen fällt die Temperatur bei nicht nachlassendem Regen kontinuierlich. Auf der Höhe des Passes zeigt das Thermometer nur noch frostige 6 °C an. Am Grenzstein posieren wir für ein Foto. Ich bin froh, dass wir nicht die kurzzeitig in Erwägung gezogene Route über den Großglockner genommen haben, denn dort war per Webcam neben der Straße noch reichlich Schnee zu sehen. 

Wir sind ziemlich durchgefroren und ausgehungert und kehren in der ersten italienischen Pizzeria hinter dem Grenzstein ein. Mit der Weiterfahrt haben wir es nicht eilig, denn für den Rest des Tages soll es fast nur noch bergab gehen. 

Als wir nach etwa anderthalb Stunden wieder aufbrechen, hängt zwar immer noch der Niesel in der Luft, aber ich bilde mir ein, einzelne Wolkenstrukturen zu erkennen. Fünf Kilometer später zweigen wir von dem parallel zur Brennerstraße verlaufenden Radweg auf eine alte Bahntrasse ab. Hier verschwindet die Bahnlinie seit 1999 im Pflerschtunnel. Außerdem hört der Regen tatsächlich auf, und in der dicken Wolkendecke werden vereinzelte kleine blaue Löcher sichtbar. Sonniger Süden, wir kommen! 

So rollen wir in Richtung Brixen, biegen aber kurz davor ins Pustertal ab. So langsam wird uns währenddessen klar, dass wir den Campingplatz am Toblacher See vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr werden erreichen können. Später erklärt uns ein Einheimischer, dass es im kurz vor Bruneck gelegenen St. Lorenzen ebenfalls einen Campingplatz gebe. Die Entfernung bis dorthin zu überbrücken erscheint uns realistisch, und so genießen wir das langsam und unmerklich ansteigende Pustertal. 

Der Campingplatz Wildberg in St. Lorenzen, den wir pünktlich um 19 Uhr erreichen, zeigt sich als umgebauter Bauernhof mit allem Luxus, den sich Radtouristen wünschen. Im Skikeller können wir unsere Klamotten trocknen, an Tischen und Bänken lässt es sich bequem essen, während die dem Umbau zum Trotz noch vorhandenen Hühner und Katzen die Beine umspielen und nach Leckereien suchen. Steckdosen zur Nachversorgung von Handy und Navi mit Strom sind verfügbar. Wie wir hören, soll es sogar ein kleines beheiztes Freibad geben. Aber so weit kommen wir gar nicht. Es wird dunkel. Wir gehen im wahrsten Sinne des Wortes mit den Hühnern ins Bett, denn der nächste Tag bringt uns den nächsten, letzten und höchsten Pass auf unserer Tour. Mit unserer Starthöhe von 810 Metern kann uns die Passhöhe von 1530 Metern aber auch nicht mehr schrecken. 

Pfingstsonntag, 15. Mai – Tag 3

So geht es also am Pfingstsonntag weiter in Richtung Toblach, wo wir auf den Radweg zum Toblacher See abbiegen, den wir nach den fünf ersten Tageskilometern erreichen. Nach einer kurzen Pause geht es weiter auf einem breiten, weiß geschotterten Waldweg, dem Berg entgegen. Die Steigung ist sehr moderat, und ich frage mich, wie lang es auf der entsprechend kommoden Strecke wohl dauern wird, bis wir die Passhöhe erreichen. Ob es sich wohl um einen Weg handelt, der im Winter als Loipe genutzt wird? 

Die Auflösung des Paradoxons soll ich erst viel später, nach unserer Rückkehr aus Venedig, mit Wikipedias Hilfe bekommen: Unser Weg verlief auf der Trasse der ehemaligen Dolomitenbahn, einer Schmalspurbahn, deren Spurweite in drei Schritten immer weiter vergrößert wurde, die dann aber Anfang der 1960er Jahre stillgelegt wurde. Mittlerweile dient die Trasse als Radroute und im Winter tatsächlich als Loipe. Spätestens bei der Abfahrt wird uns aber die Eisenbahnvergangenheit ganz deutlich vor Augen geführt. Der Weg ist asphaltiert und alle paar Kilometer kommen wir an einem stillgelegten Bahnhofsgebäude vorbei, welches noch den Ortsnamen trägt. Manche davon wurden zu einem zweiten Leben erweckt, andere verfallen. Die Räder rollen sehr gut auf diesem unerwarteten Bahnradweg. Eigentlich ist es schade, dass es jetzt bis Venedig nur noch bergab gehen soll und kein Pass mehr auf uns wartet.

Während wir gemütlich dahinrollen, gelegentlich auch mit dem Fotoapparat in der Hand, wartet eine ganz andere Überraschung auf uns. Zwischen zwei Tunneln und vielen Orten, deren Namen allesamt mit di Cadore enden, hören wir einen Schuss, der durch das ganze Tal hallt. Paul fährt gerade vor mir, wird langsamer und sein Fahrrad holpert plötzlich wie ein Bollerwagen mit Holzrädern. Da sehe ich etwas Metallisches vom Hinterrad wegstehen und augenblicklich wird mir klar, dass der Knall des vermeintlichen Schusses von seinem Reifen herrührte, der kurzerhand geplatzt ist. Leider war die Ursache dafür eine verschlissene Felge, die letztlich dem Reifendruck nicht mehr standgehalten hat. 

Unsere Bordmittel reichen nicht aus, um den Schaden zu reparieren. Es ist Pfingstsonntagnachmittag. Auch wenn es in diesen kleinen Dörfern hier einen Laden geben sollte, so wird er sonntags wohl geschlossen haben. An unsere Vermutung schließt sich sogleich die Frage an, ob auch in Italien der Pfingstmontag ein Feiertag ist. Ganz gleich, jetzt hängen wir erst einmal fest. Mittlerweile ist es halb fünf, und deshalb wird sich bald auch die Frage nach Übernachtungsmöglichkeiten aufdrängen.

Ein Ehepaar im Rentenalter, welches gerade auf dem Bahnradweg zum Spaziergang aufgebrochen ist, wurde durch den Knall aufgeschreckt und hat beobachtet, wie wir stehen geblieben sind. Wir kommen ins Gespräch mit den beiden und stellen erstaunt fest, dass der Italiener hervorragend Englisch spricht. Das Paar bietet uns mehrere Hilfsoptionen an, die uns so großartig erscheinen, dass wir sie eigentlich gar nicht annehmen können. Im nächsten Ort, dem 2 Kilometer entfernten Valle di Cadore, gebe es zwei Fahrradgeschäfte. Der Mann würde mit dem Auto dorthin fahren, herausfinden, ob das Geschäft geöffnet hat, und uns anschließend entgegenkommen. Wir einigen uns darauf, dass ich mit dem Rad nach Valle di Cadore fahre und wir uns dort treffen, während Christian und Paul ihre Räder den Bahnradweg entlang schieben. 

Das erste Fahrradgeschäft mutet wie eine Luftpumpen- und E-Bike-Ladestation an. Jedenfalls ist es kombiniert mit einer Kaffeebar, in der einiger Betrieb herrscht. Unter anderem sind dort zwei andere deutsche Radler mit einem simplen Plattfuß aufgelaufen. Ich kann den beiden mit nicht eingetrockneter Vulkanisierlösung helfen und bekomme dafür viel Mitgefühl und die besten Wünsche für unser Problem mit auf den Weg. Inzwischen ist auch unser italienisches Paar eingetroffen und berichtet, dass die Läden geschlossen sind. Von der Kaffeebar aus, die auf einer leichten Anhöhe liegt, kann man den Ort vollständig überblicken, und einer der Gäste zeigt mir die Richtung, in der das zweite Fahrradgeschäft liegt. Danach versucht er gemeinsam mit dem Inhaber der Bar, eine Unterkunft für uns zu finden. Es wird telefoniert und das Internet bemüht, aber alle Bekannten, die Bed & Breakfast anbieten, scheinen unerreichbar zu sein. Schließlich gebe es aber auch noch ein Hotel in diesem Ort – oder wir könnten uns ja irgendwo eine Wiese suchen, da werde wohl keiner was sagen. 

Nach so viel Einsatz für gestrandete Touristen trinken wir dann doch erstmal einen Espresso in dieser netten Bar. Danach schwärmen wir Radfahrer aus, um die Übernachtungsmöglichkeiten ebenso wie das Potenzial des noch unbekannten Fahrradladens auszuloten. Die Schaufensterauslage des Ladens ist prächtig und vermittelt uns den Eindruck, dass sein Inhaber uns eine neue Felge beschaffen könnte. Der Wirt des benachbarten Weinlokals ist sich sicher, dass der Laden am Montag wieder geöffnet sein wird. Das erleichtert uns, wenngleich er sich mit der Uhrzeit lieber nicht festlegen will. Wen wundert’s, denn die Öffnungszeiten sind nirgendwo ausgehängt. Nach der Erkundung des Ladens besichtige ich das Hotel, das uns noch aufnehmen würde. 

Langsam lässt meine Anspannung nach und ich treffe die beiden Jungs auf dem Bahnradweg wieder. Dort liegt inzwischen die Information eines anderen Ortskundigen vor, dass es am Sportplatz von Valle di Cadore eine Selbstversorgerstation für Campingmobile gibt. Dort könne man sicherlich auch ein Zelt aufschlagen. Also wird das Hotel wieder verworfen und wir schlagen um 19 Uhr unser Zelt in einem winzigen Wäldchen am Sportplatz von Valle di Cadore auf. Hier gibt es einen Wasserhahn und einen Gully. Was wollen wir mehr? Die Nacht ist zwar etwas unruhig, weil sich irgendwelche mehr oder weniger wilden Tiere über unser Zelt hinweg anbellen, anfauchen oder bejaulen. Die Spekulationen reichen von Hund über Wildschwein bis Hirsch. Wir können es nicht aufklären und sehen am Montagmorgen lieber zu, dass wir wieder zum Fahrradladen kommen. 

Pfingstmontag, 16. Mai – Tag 4

Der Laden hat tatsächlich zufällig geöffnet. Der Fahrradhändler versteht trotz seiner geringen Englischkenntnisse, dass wir ein großes Problem haben. Leider hat er kein passendes Hinterrad oder auch nur eine passende Felge zur Hand. Also geht er seinen gesamten Bestand an Fahrrädern durch. Unter den Ausstellungsstücken findet er eines, dem er kurzerhand das Hinterrad entnimmt. Dieses stattet er mit unserem noch intakten Mantel aus. Anschließend setzt er einen neuen Schlauch ein und tauscht den Neuner-Zahnkranz gegen Pauls achtfachen aus. Das Ganze kostet angemessene 100 Euro. 

Während der Reparatur, die zur Hälfte vor dem Laden stattfindet, gesellt sich auch der Inhaber der Gelateria von nebenan zu uns. Er spricht sehr gut Deutsch und sagt, er würde gerne übersetzen, wenn es irgendwelche Probleme gebe. Die gibt es aber nicht, und eine halbe Stunde später sind wir wieder glücklich und fahrbereit. Der Fahrradhändler schließt seinen Laden ab und verlässt uns, ein paar Akten unter dem Arm, in Richtung Dorf. Den Nachbarn aus der Gelateria befrage ich noch schnell zur Dolomitenbahn, von der ich ja bislang nichts wusste. Aber auch er ist zu jung und hat dort nie Züge fahren gesehen. 

Wir hatten wohl mehr Glück als Verstand, dass wir genau die morgendliche halbe Öffnungsstunde getroffen haben. Nun können wir unsere Tour mit nur geringer Verzögerung fortsetzen. Der historische Bahnradweg begleitet uns noch wenige Kilometer bis zum Stausee Lago di Centro Cadore. Dort biegen wir scharf nach Süden ab und verlieren in der Folge auf einer Strecke von sieben Kilometern gut 300 Meter an Höhe. Der in diesem Tal verlaufenden, noch existenten Bahnlinie nach Belluno ist das zu steil. Sie ist längst in einem Tunnel verschwunden, um sich dort in eleganten Halbkreisen nach unten zu schrauben. Unser Zeitverlust hingegen erscheint im Tagesverlauf so gering und die geplante Route so übersichtlich, dass sich schon wieder Übermut breit macht. 

Bei Belluno verlassen wir die Hauptroute München–Venezia und wagen uns auf eine westliche Variante am Südrand der Dolomiten. Schon bald haben wir das Gebiet verlassen, das durch meine heruntergeladenen, offline verfügbaren Openstreetmap-Karten abgedeckt ist, und die Navigation wird sehr traditionell auf Papierkarte 1:200.000 umgeschaltet. Feltre, so heißt es, sei eine sehenswerte, geschichtsträchtige Stadt. Sie stellt unser nächstes Ziel dar. Am späten Nachmittag, noch vor Feltre, kaufen wir in einem kleinen Spar-Laden unser Abendessen ein. Da wir noch keine Ahnung haben, wo der nächste Campingplatz liegt, sprechen wir die dortigen Mitarbeiter an, die uns mithilfe ihrer privaten Handys und Internetzugänge einen Platz am Lago di Corlo heraussuchen, etwa 20 Kilometer westlich von Feltre. Es ist 17 Uhr, also alles noch im grünen Bereich. 

Leider vergisst Christian nach dem Einkauf, die Regenhülle der Packtasche, die wegen der gelegentlichen Schauer immer noch im Einsatz war, ordentlich zu verstauen. Das soll sich rächen. Nur 500 Meter nach dem Spar-Markt wird die Hülle von der Bremsscheibe erfasst und zwischen die Bremsbeläge gezogen. Das ergibt eine Vollbremsung am Hinterrad, die von dem MTB-Reifenprofil nicht viel stehen lässt. In meinem inneren Ohr höre ich schon den nächsten Knall eines platzenden Reifens. Noch dramatischer ist, dass wir eine halbe Stunde brauchen, um das Rad wieder flott zu bekommen. Die dünne Nylonhülle hat sich zwischen der Bremsscheibe und den Belägen schier unlösbar verfangen, sodass nur eine Kombination aus Freischneiden mit dem Taschenmesser, Zerren und Ziehen mit der Zange und letztlich roher Gewalt die Fetzen wieder zum Vorschein bringt. 

Die Stimmung ist nun etwas gedämpft und es ist bereits 18 Uhr, als wir Feltre endlich erreichen. Das spricht gegen eine Stadtrundfahrt. Allerdings sind wir vom Anblick der Stadt derart fasziniert, dass wir nicht anders können, als einmal um sie herum und einmal mitten durch zu fahren. Wie auf dem Rücken eines Triceratops, der sich aus dem flachen Land erhebt, ist die Stadt erbaut, umgeben von einer soliden Stadtmauer. Umfährt man diese Mauer, so findet man einen Durchstich – einen Tunnel – durch den Rücken des Dinosauriers, der die gesamte Altstadt unterquert. Wir fahren nicht in den Tunnel hinein, obwohl er hell beleuchtet ist und belebt wirkt. Wir mutmaßen, dass es dort sogar Geschäfte geben könnte. Andererseits erinnert der Tunnel an einen U-Bahn-Schacht – und das unterhalb einer Stadt aus vielleicht römischen Zeiten. Eine merkwürdige Kombination. Wie beschließen, den Tunnel nicht näher zu erforschen und stattdessen die Altstadt zu besuchen. Also fahren wir auf dem Rücken des Triceratops steil hoch und wieder hinunter. 

Stadtbesichtigung in 30 Minuten. Das muss leider genügen, denn wir haben noch ein paar Kilometer vor uns. Diese spulen wir im Schnellverfahren auf der Staatsstraße 50 ab. Mit zehnminütiger Verspätung, bezogen auf unseren Normwert 19 Uhr, erreichen wir den Zeltplatz am Lago di Corlo. Schnell steht das Zelt und das Nudelwasser kocht. Während die Nudeln garen, verhindert ein satter Hagelschauer das Überkochen und wir schauen dem Ganzen, unter dem Vordach der Rezeption stehend, trocken zu. Das ergibt dann auch den letzten Feuchtigkeitseintrag im Tagebuch von unserer Reise. 

Durch den Abstecher nach Feltre und die Übernachtung am Lago di Corlo sind wir endgültig zu weit nach Westen abgedriftet, um wieder auf die ursprünglich geplante Route München–Venezia zurückzukehren. Unser letzter Tag auf Rädern soll uns nun nach Venedig bringen. Ohne uns auf passende Landkarten oder geplante Routenabschnitte stützen zu können, schätzen wir die Entfernung auf etwa 100 Kilometer – und damit angesichts des eher niedlichen Höhenprofils und der Erfahrung der letzten Tage als unproblematisch ein. 

Dienstag, 17. Mai – Tag 5

Früh am Morgen hängt noch der Nebel über dem See, aber ernstzunehmende Wolken lassen sich nicht ausmachen. Auf dem Campingplatz hängt eine große Karte der Umgebung mit Rad- und Wanderwegen. So fassen wir den Plan, dem Fluss Brenta mindestens bis Bassano del Grappa auf einem Radweg zu folgen. Am Südende des Sees erwartet uns ein kleiner Pass, bis zu dessen Gipfelpunkt 100 Höhenmeter zu überwinden sind. Während wir uns nach oben schrauben, sehen wir an wenigen Stellen den Fluss Cismon in einer schmalen, tiefen Schlucht der Brenta entgegen fließen. 

Die Abfahrt von dem kleinen Pass ist steil und die Straße wird immer schmaler. Ich meine, im Augenwinkel etwas von „Strada chiusa“ gelesen zu haben, und fürchte das Schlimmste. Radwegweiser hingegen ermuntern zur Weiterfahrt. Schließlich und schon fast im Tal angekommen sichern zwei dicke Betonwürfel die Straße gegen Kraftfahrzeugverkehr. Mit unseren Packtaschen passen wir gerade noch durch den Spalt hindurch. 

Wenig später treffen wir in Cismon del Grappa ein, wo wir die Brenta auf einer schon etwas morsch aussehenden Brücke überqueren. Das sieht nicht gerade nach einer offiziellen und viel befahrenen Radroute aus, aber tatsächlich verläuft am anderen Ufer eine zunehmend breiter werdende Straße durch das enge Brentatal. Die Hänge sind mit Weinstöcken bepflanzt, ein Dorf reiht sich ans nächste. Wäre der Fluss etwas breiter, so würde ich mich nicht wundern, sähe ich hinter der nächsten Biegung die Loreley. Stattdessen kommen uns immer wieder Gruppen von Rennradlern entgegen. Die Strecke scheint beliebt zu sein – jedenfalls bietet sie sich als Zubringer für eine Tagestour in die Dolomiten an. 

In Bassano del Grappa drehen wir nur eine kleine Runde, um einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen, und verlieren dabei die Radwegweisung aus den Augen. Aber wir haben ja noch das Garmin-Navi dabei und fordern es heraus, doch bitte die Strecke nach Venedig zu berechnen. Abgesehen von gelegentlichen Abstürzen und dem Eindruck, einen regelrechten Zick-Zack-Kurs zu fahren, weil wir immer wieder dieselbe Bahnlinie kreuzen, kann ich im Rückblick angesichts des aufgezeichneten Tracks sagen, dass die Navigationsaufgabe doch recht gut gelungen ist. 

Auf kleinen Nebenstraßen ohne Radwege, aber auch ohne viel Verkehr, rollen wir sehr zügig in Richtung Venedig. Ich sehe häufig eine 28 auf dem Tacho, obwohl ich kaum trete, und kann es kaum glauben. Irgendwie muss da Rückenwind im Spiel sein. Der morgendliche Nebel hat sich längst verzogen und die Sonne brennt. Venedig, wir kommen! Im Rückspiegel sehe ich, wie sich die Wolken über den Bergen zusammenziehen und das nächste Gewitter vorbereiten. Dieses Mal aber ohne uns. 

Mittags erreichen wir Castelfranco Veneto. Die Altstadt ist von hohen Backsteinmauern umgeben. Zusätzlich beschützt wird sie von einem rasenbewachsenen Wall und einem Wassergraben. Gegenüber sehen wir eine große Gelateria, und schnell ist klar, dass wir hier eine Pause einlegen müssen. Auf den sonnenbeschienenen grünen Wallanlagen lassen wir uns schließlich italienische Salami, frisches Brot und Käse schmecken. 

Während der Weiterfahrt beginnen wir, die Ankunft und Übernachtung in Venedig genauer zu planen. Mestre, das Festland von Venedig, bietet mehrere Campingplätze, deren einige im Industriegebiet oder in anderen, wenig reizvollen Arealen liegen. Außerdem kann sich Christian nicht mit dem Gedanken abfinden, schlichte 10 Kilometer vor dem Ziel der Tour noch ein weiteres Mal einen Stopp einzulegen. Der Vorschlag, auf dem Campingplatz nur das Gepäck abzuwerfen und dann mit den nackten Rädern venezianische Luft zu schnuppern, ist ebenfalls nicht verheißungsvoll genug. Vermutlich würde das 20 Kilometer zusätzlich zu unserer Tagesetappe bedeuten, und Venedig mit dem Fahrrad, das weiß ich noch von 1988, ist die Hölle. Als optimaler Kompromiss erscheint uns die Lösung, mit vollem Gepäck nach Venedig zu fahren und dann mit der Fähre nach Punta Sabbioni, wo sich ein Campingplatz an den nächsten reiht. 

Die restlichen Kilometer unserer Fahrt bis vor Venedig verlaufen unspektakulär. Alle obligatorischen Pannen haben wir abgehakt, den Plattfuß außen vor gelassen. Garmin führt uns weiter auf Zick-Zack-Kurs und zielstrebig in Richtung Venedig. Plötzlich erscheint die Silhouette einer Stadt, und es riecht nach Meer. Die Adria ist nahe, die Luft wird feuchter und ein leichter Geruch nach Algen, Fisch und Salz zieht uns in die Nasen. 

Schnell sind wir auf den Straßen einer Großstadt und überlegen, wie man eigentlich die 5 Kilometer lange Brücke nach Venedig mit dem Fahrrad überqueren kann. Das Navi scheint es auch nicht so genau zu wissen und mein Gedächtnis lässt mich glanzvoll im Stich. Ich vermute, wir sind damals geschwommen oder geflogen, aber an diese Brücke kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Also kreuzen wir planlos dem Navi folgend durch Mestre und stehen schließlich an einer autobahnähnlichen Straße, ohne zu wissen, wie es jetzt weitergeht. Fußgänger, die uns dort zufällig entgegenkommen und sich wohl mehr geduldet als geplant zwischen Leitplanken durchquetschen, empfehlen uns, mit dem Bus zu fahren. Die Straße sei sehr pericoloso für Radfahrer. Aber wir fahren doch nicht 100 Kilometer mit dem Rad, um dann für die letzten 5 Kilometer in den Bus zu steigen! Außerdem frage ich mich, wieso hier überhaupt so viel Autoverkehr herrscht – im Einzugsbereich einer Stadt, in der man mit allem, was Räder hat, höchstens 100 Meter weit kommt. Ein paar Meter weiter halten wir an einem großen Autoparkplatz. Der Parkwächter kennt sich offenbar gut aus und schickt uns auf den richtigen Weg.

Parallel zu der Schnellstraße nach Venedig, die eigentlich nur eine Regional-straße ist, verläuft auf der südwestlichen Seite ein separater Fuß- und Radweg. Die Überfahrt über die Lagune ist traumhaft, und wir dokumentieren sie mit Fotoapparat, Handy oder GoPro in der Hand. Am Ortsschild angekommen, müssen wir außerdem noch ein Gruppenfoto mit Stativ machen. Darum führt selbstverständlich nichts, aber auch gar nichts herum. 

Um viertel nach fünf treffen wir auf der Piazzale Roma ein und tragen unsere voll bepackten Räder über zwei Brücken, damit auch meine Mitradler wissen, dass Venedig fahrradfeindlich ist. Die dritte Brücke nehme ich zu Fuß und lasse meine jüngeren Mitfahrer kurz zurück, um mich am Bahnhof Santa Lucia nach Fähren in Richtung Punta Sabbioni zu erkundigen. Leider nehmen die Personenfähren, die hier die Rolle städtischer Busse spielen, keine Räder mit. Also müssen wir zurück zum Tronchetto fahren, einer kleinen Insel an der Brücke, von der die großen Autofähren ablegen. Das bedeutet: zwei Brücken ein weiteres Mal überqueren, dieses Mal in umgekehrter Richtung. Anschließend nehmen wir die Fähre zum Lido di Venezia. Dort soll es auch einen Campingplatz geben. Nach Punta Sabbioni müssten wir umsteigen, und außerdem wäre die Fahrt dorthin deutlich teurer und länger. 

Der Campingplatz am Lido di Venezia ist winzig, eigentlich mehr ein großer Garten, vor allem, wenn man ihn mit den Campingplätzen von Punta Sabbioni bis Lido di Jesolo vergleicht. Dank der Vorsaison bekommen wir trotzdem unverzüglich einen Platz zwischen den fünf anderen Zelten zugewiesen, die dort bereits aufgestellt sind. Hier nun ist der Teil unserer Reise, den wir radelnd verbringen wollten, zu Ende. Wir feiern den Schlusspunkt mit einem üppigen Abendessen vom Einweg-Grill, wofür die Jungs noch kurz vor Ladenschluss bei einem Conad-Laden um die Ecke alles organisiert haben. Nach fünf Tagen Pasta ist das eine willkommene Abwechslung. 

Arrivederci, Venezia!

Für den folgenden Tag, abends um 21 Uhr, ist der Nachtzug von Venezia Santa Lucia nach München gebucht. Bis dahin haben wir Gelegenheit, Venedig zu erkunden. Um weitere Fährfahrten zu vermeiden, beladen wir, wie an allen anderen Tagen zuvor, unsere Räder und nehmen sie mit in die Stadt, in der Hoffnung, die Taschen bei einer Gepäckaufbewahrung loswerden und die Räder irgendwo anschließen zu können. 

Bei den beiden Gepäckaufbewahrungsstationen, die wir aufsuchen, zeigt man sich jedoch völlig kompromisslos: Pro Gepäckstück und Tag müssten wir sechs oder sieben Euro berappen. Das ergibt bei insgesamt elf Taschen eine hübsche Summe, die wir nicht zahlen wollen. Frustriert fahre ich zum nahgelegenen Parkhaus San Marco an der Piazzale Roma, denn vielleicht können wir dort zu dritt einen Pkw-Stellplatz buchen. In dem Parkhaus stünden die Räder mit Gepäck nicht so ganz direkt in der Öffentlichkeit herum. 

Erstaunt stelle ich fest, dass die Preisliste des Parkhauses auch die Position „Fahrrad“ ausweist – Fahrradparken für zehn Euro pro Tag. Schnell sind unsere Räder in einer Art Kriechkeller unterhalb der Rampe, die zu den höheren Stockwerken führt, untergebracht. Dort gibt es sogar geschätzte zehn Fahrradständer. Ein anderer freundlicher Radtourist hat bereits seinen teuren Carbon-Renner unabgeschlossen als Köder ausgelegt, sodass wir uns um unsere eigenen Fahrräder keine Sorge mehr machen und den letzten Tag unserer Reise in Venedig genießen. 

Matthias Marcks

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Uferpromenade nördlich von Kopenhagen. Hier ist Platz für alle: Vom Rand zur Mitte gibt es gleichberechtigt Fußweg, Radweg, einen Trennstreifen, Kfz-Fahrbahn und einen schmalen Grünstreifen.

Kopenhagen – die Fahrrad-Hauptstadt?

August 2019. Unsere diesjährige Urlaubsplanung führte meine Frau und mich im Sommer spontan nach Kopenhagen. Der Plan…

Unterwegs auf dem Alpe-Adria-Radweg

München – Venedig? Ja, das klingt gut!

Juni 2017. Matthias Marcks‘ Bericht von seiner Reise mit dem Fahrrad nach Venedig hatte mich angefixt. Als dann ein…

Nach dem Start in Aachen: Kilometer 100 auf dem Vennbahnradweg

Bahntrassenradeln in Eifel und Ardennen – auf ein Neues

August 2016. Mittlerweile habe ich den größten Teil der hochwertigen und längeren Bahntrassenradwege quer durch…

Nicht nur dieses Teilstück zeugt vom Charme des Radelns auf stillgelegten Bahntrassen

Radeln auf ehemaligen Bahntrassen in Luxemburg

September 2015. An einem kinderfreien Wochenende in den Sommerferien setzten wir die Idee eines Bahntrassen-Kurzurlaubs…

Idylle in den bayerischen Alpen

Wandern? Oder doch lieber radeln?

Im Sommer, diesen August 2015, war ich zusammen mit meinem Mann für zwei Wochen zum Wandern in den bayerischen Alpen.…

Doch zu früh dran – Radweg noch nicht freigegeben, aber trotzdem passierbar

Bahntrassenradeln in Eifel und Ardennen

Februar 2013. Angesichts meiner Begeisterung für Bahntrassenradwege ist es absolut erfreulich, dass nicht nur in…

Einstieg in den Bahntrassenradweg in Neustadt an der Waldnaab

Bahntrassenradeln in Ostbayern

September 2012. Radwege auf ehemaligen Bahntrassen üben eine große Faszination auf mich aus. Mittlerweile hat Achim…

https://badvilbel-karben.adfc.de/artikel/da-venezia-per-bicicletta-anno-1988-und-2016

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