
Blick von Point Alpha ins Ulstertal © Christian Martens
Dreiländer-Tour – ein Reisebericht
Mitte Mai 2008 radelte ich meine persönliche Dreiländer-Tour durch Hessen, Thüringen und Bayern, in der ich zusammenpackte, was mich schon länger mal gereizt hatte, etwa Point Alpha als Gedenkstätte des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands.
Hinzu kamen zu Point Alpha das Schaubergwerk Merkers im Land der weißen Berge, der Rennsteigradweg, Teile des Mainradwegs und diverse Bahntrassenradwege.
Ich startete direkt ab Haustür, die Nidda aufwärts Richtung Vogelsberg. Statt des mir schon vertrauten Vulkanradwegs wählte ich dieses Mal die hessischen Fernradwege R4 und R7 über Schotten und Ulrichstein und weiter nach Lauterbach – eine landschaftlich ebenso reizvolle Alternative, die allerdings vor Ulrichstein mit ein paar kräftigen Anstiegen gewürzt ist. Die Rhön lässt sich dann angenehm ohne größere Steigungen auf dem Kegelspielradweg, dem ersten der erwähnten Bahntrassenradwege auf meiner Tour, bezwingen.
Auch beim dritten Mal bin ich fasziniert vom Landschaftsbild, auch weil ich die Rapsblüte mittlerweile wieder eingeholt habe. Kurz vor dem Ende dieses Radwegs erreicht man Thüringen und ist nur einen Katzensprung von Point Alpha entfernt. Die ausführliche Dokumentation über die zunehmende Perfektionierung der Grenzanlagen im Lauf von 40 Jahren und die Stationierung amerikanischer Soldaten direkt am Grenzstreifen lassen die Zeit des Kalten Krieges wieder sehr lebendig werden.
Weiter geht’s die Ulster abwärts zur Werra und dann ein Stück die Werra aufwärts. In Merkers verdränge ich alle umweltpolitischen Debatten über die Versalzung der Werra und tauche ein in eine Untertagewelt gigantischen Ausmaßes. Hatten die Kaliabbaugebiete in Ost und West bis zur Wiedervereinigung noch 300 Meter Sicherheitsabstand, so erschließt das gemeinsame Schachtnetz jetzt eine Fläche von 350 Quadratkilometer. Zwanzig Kilometer des mehrere tausend Kilometer langen Schachtnetzes durchfahre ich auf einem offenen Kleintransporter und sehe unter anderem den Raum, in dem zum Ende des Zweiten Weltkriegs die gesamten Goldvorräte des Reichs und die Kunstschätze von Berliner Museen eingelagert wurden. Die Amerikaner waren 1945 zuerst da und übergaben nach drei Tagen harter Arbeit den Raum besenrein an die Russen. Für Leute, die den besonderen Kick suchen, werden übrigens gelegentlich auch Mountainbike-Touren untertage angeboten.
Der nächste Teil meiner Reise führt die Werra abwärts bis kurz vor Eisenach. Besonders auf diesem Abschnitt fasziniert die architektonische Vielfalt der kleinen Dorfkirchen. In Hörschel wartet auf mich der Rennsteigradweg als größte sportliche Herausforderung der Tour. Um Konflikte zwischen Radlern und Wanderern zu vermeiden, wird der Radweg weitgehend separat geführt und verzichtet netterweise auf schmale Pfade mit Wurzeln. Bis auf wenige Abschnitte, die sehr holprig sind, habe ich auf der gesamten Wegstrecke von knapp 200 Kilometern ein Mountainbike nicht vermisst. Der Weg wird auf breiten Forstwegen und schmalen Straßen geführt. Die Eisheiligen in einer Höhe von 900 Metern lassen mich vergessen, dass bereits Mai ist. Zum Glück habe ich auch eine lange Radhose und Handschuhe eingepackt.
Zur Erkundung des Mommelstein-Radwegs, ebenfalls ein Bahntrassenradweg, verlasse ich den Rennsteig Richtung Brotterode. Erst im Zentrum erhalten meine grauen Gehirnzellen Nachhilfe, weshalb mir der Ortsname geläufig ist: Der Bad Vilbeler Platz weist ganz klar auf die Städtepartnerschaft hin. Leider ist das letzte Teilstück des Mommelstein-Radwegs noch nicht ausgebaut, und so muss ich mich auf Forstwegen zum oberen Endpunkt des Radwegs durchkämpfen. Dann geht es zügig auf herrlichem Asphalt durch einen Tunnel und über mehrere Viadukte hinab bis Schmalkalden. Dort ist erst einmal eine ordentliche Stärkung angesagt, denn dummerweise muss ich all die Höhenmeter auch wieder hoch zum Rennsteig. Die Skiarena in Oberhof und viele Loipenwegweiser machen klar, dass hier der Winter noch Winter ist. Lange Strecken des Radwegs verlaufen direkt durch den Wald, Ausblicke gibt es vor allem auf der zweiten Hälfte. Direkt am Wege liegen noch die Werraquelle und die Schieferstadt Lehesten. Der Endpunkt des Rennsteigs in Blankenstein ist eher unspektakulär. Man hat den Eindruck, dass die Stadt noch nicht aus ihrem Dornröschenschlaf im ehemaligen Sperrstreifen aufgewacht ist. Auf jeden Fall muss das geplante Stück Torte zur Belohnung mangels Café vertagt werden.
Quer durch den Frankenwald geht’s weiter nach Kulmbach. Von dort führen mich zwei sehr schöne Bahntrassenradwege über Bayreuth bis Hollfeld in der Mitte der Fränkischen Schweiz. Ein Kuriosum zwischendurch ist, dass man zwischen Kulmbach und Bayreuth zum eigenen Schutz im Bereich eines Golfplatzes durch ein Gitter geleitet wird, das irgendwie an den Raubtiergang eines Zirkus erinnert. Ab Bamberg ist es mit der Einsamkeit auf den Radwegen vorbei. Ganze Radlerhorden ergießen sich entlang des Mains. Haben ja auch Recht: Nach den rauen Tagen im Thüringer Wald genieße auch ich die flachen Wegstücke durch die liebliche, vom Weinanbau geprägte Landschaft mit all den netten Orten am Wegesrand, bevor mich der letzte Bahntrassenradweg meiner Runde ab Ochsenfurt aus dem Maintal ins Taubertal bringt. Der Weg selbst hat außer seiner Verbindungsfunktion abseits des Straßenverkehrs nicht viel zu bieten. Leider auch nicht asphaltiert, sondern mit feinem Splitt ausgeführt, werden Fahrrad, Packtaschen und Beine auf dem Weg über die kahle Hochfläche des Ochsenfurter Gaus in eine weiße Staubschicht gehüllt.
So gezeichnet, treffe ich an der Tauber wieder in großem Stil auf Radlergruppen. Die Gastronomen in den romantischen Städtchen haben auf jeden Fall alle Hände voll zu tun. In Wertheim biege ich rechts ab und folge dem Main flussaufwärts bis Lohr, um diesen mir noch unbekannten Abschnitt kennenzulernen. Über Wiesthal und den Aubach entlang erklimme ich die Spessarthöhen und werde mit einer herrlichen Abfahrt nach Bieber belohnt. In Gelnhausen beschließe ich, mich nicht auf das Wagnis eines Bahn-Fahrradabteils am Ende eines langen Wochenendes einzulassen, sondern zu übertreiben und die letzten Kilometer bis Bad Vilbel noch dranzuhängen. Etwas erschöpft, aber ohne Pannen und ohne Regen beende ich die Runde von gut 1000 Kilometern und lasse mich in das vertraute Bett fallen.
Christian Martens
















